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Vom Helfersyndrom zur klaren Haltung als Tiertherapeutin

Meine persönliche Entwicklung als Tiertherapeutin



Dieser Artikel ist kein Fachartikel. Er ist persönlich.

Er ist der Weg von einer Frau, die sich ein Leben lang verantwortlich fühlte – für Stimmungen, für Konflikte, für das Wohl anderer. Und die erst spät begriffen hat, dass Verantwortung Grenzen braucht.


Prägung: Verantwortung, die nie meine war

Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem ich früh gelernt habe, wachsam zu sein. Eine alkoholkranke Mutter bedeutet nicht nur Instabilität – sie bedeutet auch, als Kind zu scannen: Wie ist die Stimmung? Was könnte passieren? Muss ich eingreifen? Muss ich etwas retten?

Man entwickelt feine Antennen. Man spürt sofort, wenn etwas kippt.

Was dabei oft entsteht, ist ein leiser, dauerhafter Glaubenssatz:


Ich bin verantwortlich.

Für Harmonie. Für Stabilität. Für das Wohl anderer.


Dieser Satz begleitet einen – oft unbemerkt – ins Erwachsenenleben.


Die Ausbildung – und die ständige Angst, etwas falsch zu machen

Als ich meine Ausbildung zur Tiertherapeutin begann, war ich voller Begeisterung. Endlich konnte ich helfen. Endlich konnte ich etwas Sinnvolles tun.

Und doch tauchte immer wieder ein Gefühl auf: Angst.


Angst, etwas falsch zu machen. Angst, einem Tier zu schaden. Angst, nicht genug zu wissen. Angst, schuld zu sein, wenn etwas nicht besser wird.

Dieses Gefühl kam nicht einmal. Es kam immer wieder.

Und selbst nach der Ausbildung blieb es.

Wenn das Telefon klingelte und eine Kundin anrief, war mein erster Gedanke nicht Neugier. Es war Anspannung.


Was ist passiert? Ist es schlimmer geworden? Habe ich etwas übersehen?


Eine entscheidende Erkenntnis

Eine Therapeutin sagte in dieser Zeit zu mir:

"Damit lebt jeder Arzt. Du bist nicht für den anderen Organismus verantwortlich. Und ja – Fehler können passieren. Das gehört dazu."


Dieser Satz war unbequem.

Denn wenn ich nicht verantwortlich bin – wer bin ich dann?

Ich bin begleitend. Ich bin beratend. Ich bin fachlich führend.

Aber ich bin nicht allmächtig.


Wenn Helfen zur Selbstaufgabe wird

Über Jahre habe ich gemerkt, dass ich nicht nur Tiere behandelte. Ich trug auch Emotionen. Ich hörte mir Lebensgeschichten an. Ich wurde Projektionsfläche. Ich wurde emotionaler Abfalleimer, auch oder gerade in meinem Beziehungsumfeld.

Und jedes Mal blieb ich danach leer zurück. Erschöpft. Mit dem Gefühl, nicht genug getan zu haben.


Ich wollte helfen. Ich wollte retten. Ich wollte Lösungen finden – selbst dann, wenn die Umsetzung nicht bei mir lag.


Doch irgendwann wurde klar:

Wenn ein Mensch meine Empfehlungen nicht umsetzt, wenn ständig chemische Symptomunterdrückung dazwischengeht, wenn Prozesse nicht ausgehalten werden,

kann ich keine Wunder vollbringen.

Und ich muss es auch nicht.


Die Hunde als meine Lehrmeister

Es waren nicht nur Ausbildungen, die mich verändert haben. Es waren die Hunde.

Mein eigener Hund hat mir schmerzhaft gezeigt, wie sehr eigene Emotionen, Erwartungen und Nähe Prozesse beeinflussen können. Wie schnell man in Dynamiken rutscht, wenn man aus Angst oder Kontrolle handelt.

Ich habe gelernt, mich selbst zu beobachten. Meine Ansprüche. Meine Emotionen. Meine Muster.

Und ich habe gelernt, dass Regulation immer bei mir beginnt.


Abgrenzung ist kein Mangel an Mitgefühl

Heute weiß ich:

Ich kann Wissen anbieten. Ich kann Erfahrung teilen. Ich kann Prozesse erklären. Ich kann ehrlich begleiten.

Aber ich kann keine Verantwortung übernehmen, die nicht meine ist.

Wenn ein Mensch nicht umsetzt, was notwendig wäre, wenn er in alten Mustern bleibt, wenn er Verantwortung verschiebt, liegt das nicht in meiner Macht.


Abgrenzung bedeutet nicht, dass ich weniger fühle. Sie bedeutet, dass ich mich nicht mehr aufgebe.


Meine Position heute

Ich arbeite nicht mehr aus Angst. Nicht mehr aus Schuld. Nicht mehr aus dem Gefühl, alles lösen zu müssen.

Ich arbeite aus Klarheit.


Heilung braucht Kooperation. Therapie braucht Umsetzung. Veränderung braucht Bereitschaft.

Ich kann führen. Aber ich kann niemanden tragen.

Und das ist kein Verlust. Es ist Professionalität.


Demut – die größte Lehrmeisterin

Meine letzte Hündin war nicht nur meine Begleiterin. Sie war – im wahrsten Sinne – meine Lehrmeisterin.

Mit ihr begann mein Weg in der Tiertherapie. Sie war nicht mein „Versuchskaninchen“, aber sie war mein Anfang. An ihr lernte ich. An ihr probierte ich aus. An ihr wuchs ich.

Ich behandelte sie naturheilkundlich, so wie auch meine Katzen. Ich bildete mich weiter. Ich suchte Unterstützung von außen. Ich tat alles, was ich konnte.

Und dennoch kam der Moment, an dem klar wurde: Es gibt eine Grenze.


Diese Hündin hat mir etwas beigebracht, das kein Seminar vermitteln kann – Demut.


Demut vor dem Leben. Demut vor dem Sterben. Demut vor der Tatsache, dass Therapie nicht allmächtig ist.


Frühere Hunde in meinem Leben konnte ich emotional nicht loslassen. Ich war nicht reif genug. Ich kämpfte. Ich wollte retten. Ich wollte nicht akzeptieren.


Bei ihr war es anders.

Ich konnte sie auf natürlichem Weg begleiten. Ohne Zwang. Ohne Verdrängung. Ohne das Gefühl, versagt zu haben.

Sie starb hier, bei mir im Wohnzimmer. So, wie ich es mir immer gewünscht hatte.

Und so schmerzhaft dieser Abschied war – er war gleichzeitig das berührendste, erfüllendste und entwicklungsstärkste Erlebnis meines Lebens.


Ich verstand in dieser Tiefe:

Kein Therapeut entscheidet über Leben oder Tod. Kein Mensch kann die Verantwortung für ein anderes Wesen übernehmen. Jedes Tier geht seinen eigenen Weg. Jeder Mensch trifft seine eigenen Entscheidungen.


Wir können begleiten. Wir können unterstützen. Wir können unser Bestes geben.

Aber wir können nicht kontrollieren.

Diese Erkenntnis hat meine Arbeit grundlegend verändert.


Dieser Weg war nicht schnell. Er war nicht bequem. Aber er hat mich freier gemacht.


Für die Tiere.

Für meine Arbeit.

Und für mich selbst. Danke all meinen tierischen Begleitern Danke all meinen Kundinnen und Kunden, die mir genauso viel gegeben haben, wie ich vielleicht ihnen und ihren Tieren.

Danke, dass ich diesen Weg gehen darf.

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