Ganzheitliche Tiertherapie - Weniger ist manchmal mehr

Warum Akzeptanz manchmal der wichtigste Teil einer ganzheitlichen Therapie ist

Es gibt Tiere, bei denen findet man relativ schnell einen Weg.
Man verändert die Ernährung, unterstützt den Darm, gleicht Defizite aus, reduziert Belastungen – und der Organismus reagiert.
Und dann gibt es Tiere, bei denen man irgendwann vor einer ganz anderen Aufgabe steht.
Mein eigener Hund gehört zu diesen Tieren.
Als er zu mir kam, hätte ich niemals gedacht, wohin uns dieser gemeinsame Weg führen würde. Und ich hätte erst recht nicht gedacht, dass eine der wichtigsten therapeutischen Erkenntnisse, die mir dieser Hund einmal schenken würde, ausgerechnet diese sein würde: Nicht alles lässt sich reparieren.
Das klingt aus dem Mund einer Tiertherapeutin vielleicht zunächst merkwürdig.
Schließlich kommen Menschen zu mir, weil sie etwas verändern möchten.
Und natürlich ist genau das meine Arbeit.
Hinzusehen.
Zusammenhänge zu erkennen.
Ursachen zu suchen, statt nur Symptome zu verwalten.
Den Organismus dort zu unterstützen, wo Regulation nicht mehr ausreichend gelingt.
Aber ganzheitliche Tiertherapie bedeutet für mich heute noch etwas anderes:
Zu erkennen, wo unsere Wirksamkeit endet.
Ich wollte diesen Hund unbedingt „hinbekommen“
Mein Hund kam bereits mit einer Geschichte zu mir.
Seine Ernährung war aus meiner Sicht alles andere als optimal. Also habe ich sie angepasst.
Hochwertige, natürliche Ernährung wurde zu einer wichtigen Grundlage.
Ich habe auf seinen Stoffwechsel geschaut.
Auf seinen Darm.
Auf körperliche Zusammenhänge.
Auf Belastungen.
Ich habe seinen Organismus gezielt dabei unterstützt, wieder besser in seine eigene Regulation und Homöostase zu finden.
Dabei habe ich unter anderem mit einem außergewöhnlichen natürlichen Präparat gearbeitet, mit dem ich bei ihm Entwicklungen beobachten durfte, die mich selbst überrascht haben.
Und natürlich habe ich als Menschen-Trainerin für Hunde mit seinem Nervensystem gearbeitet.
Oder genauer gesagt:
Ich musste lernen, nicht ständig daran herumzuarbeiten.
Denn bei diesem Hund hieß die Antwort sehr oft:
Weniger.
Weniger Reize.
Weniger Erwartungen.
Weniger Aktivität.
Weniger von diesem gut gemeinten menschlichen Gedanken:
Ein Hund muss doch …
Stattdessen musste ich lernen zu fragen:
Was braucht dieser Hund?
Nicht irgendein Hund.
Nicht der durchschnittliche Hund.
Nicht der Hund aus einem Lehrbuch.
Dieser hier.
Ganzheitlichkeit bedeutet nicht: möglichst viel machen
Das wird für mich zunehmend zu einem der wichtigsten Punkte meiner therapeutischen Arbeit.
Ganzheitlich heißt nicht:
Noch ein Präparat.
Noch ein Pülverchen.
Noch eine Kräutermischung.
Noch ein Futterwechsel.
Noch eine Therapie.
Noch eine Beschäftigungsidee.
Und wenn das alles nicht reicht, suchen wir eben noch das nächste Süppchen.
Denn irgendwann weiß niemand mehr:
Was davon hat eigentlich geholfen?
Was braucht der Organismus wirklich?
Und was machen wir inzwischen nur noch, weil wir das Gefühl nicht aushalten, vielleicht gerade nichts mehr machen zu können?
Das ist ein großer Unterschied.
Natürlich müssen körperliche Ursachen abgeklärt werden.
Natürlich sollte eine nicht passende Ernährung verändert werden.
Natürlich kann es sinnvoll sein, Darm, Stoffwechsel und körpereigene Regulationsprozesse gezielt zu unterstützen. Und natürlich müssen wir auch das Nervensystem eines Tieres mitdenken. Aber irgendwann kann das therapeutische Spektrum ausgeschöpft sein.
Dann lautet die nächste Frage nicht automatisch:
„Was können wir noch geben?“
Vielleicht lautet sie:
„Was zeigt uns dieses Tier inzwischen darüber, wie es leben kann?“
Mein größter Gegner war lange mein eigener Anspruch
Ich arbeite professionell mit Hunden.
Ich arbeite therapeutisch.
Ich kenne Zusammenhänge.
Und genau deshalb war einer meiner hartnäckigsten Gedanken:
Ich muss das doch hinkriegen.
Wenn ich nur genau genug hinschaue.
Wenn ich noch besser verstehe.
Wenn ich noch die richtige Stellschraube finde.
Dann muss dieser Hund doch irgendwann so stabil werden, wie ich mir das vorstelle.
Heute weiß ich:
Dieser Anspruch war zeitweise mein größter Feind.
Denn solange mein Ziel darin bestand, diesen Hund zu dem Hund zu machen, der er meiner Meinung nach werden müsste, kämpfte ich in gewisser Weise gegen das Individuum, das tatsächlich vor mir stand.
Erst mit der Akzeptanz veränderte sich etwas.
Nicht mit Resignation.
Das ist mir wichtig.
Akzeptanz ist nicht Resignation.
Akzeptanz bedeutet nicht:
Da kann man halt nichts machen.
Sie bedeutet:
Ich habe verändert, was veränderbar ist.
Und jetzt höre ich auf, gegen das zu kämpfen, was geblieben ist.
Nicht jede Grenze ist ein therapeutisches Versagen
Das musste ich selbst erst lernen.
Es gibt genetische Voraussetzungen.
Es gibt frühe Erfahrungen.
Es gibt Prägungen.
Es gibt individuelle Nervensysteme.
Es gibt körperliche Grenzen.
Es gibt Alterungsprozesse.
Und es gibt Entwicklungen, deren Folgen wir möglicherweise beeinflussen, aber nicht vollständig rückgängig machen können.
Ein Organismus ist keine Maschine, bei der wir nur das richtige Ersatzteil finden müssen. Und genau deshalb gibt es für mich auch nicht den einen therapeutischen Vorschlag nach dem Prinzip:
Hund hat Problem XY – gib oder mache XYZ.
So funktioniert ein lebender Organismus nicht.
Zwei Hunde können dasselbe Symptom zeigen und trotzdem etwas völlig anderes brauchen.
Der eine braucht möglicherweise eine andere Ernährung.
Der andere Unterstützung seines Darms oder Stoffwechsels.
Der nächste braucht weniger Belastung.
Ein anderer mehr Sicherheit und Führung.
Einer braucht Bewegung.
Und einer braucht endlich weniger davon.
Manchmal braucht ein Organismus Unterstützung.
Und manchmal braucht er vor allem die Gelegenheit, selbst wieder regulieren zu dürfen.
Gesundheit entsteht nicht nur durch das, was wir hinzufügen
Vielleicht ist das einer der Punkte, die mir mein eigener Hund besonders eindrücklich gezeigt hat.
Wir denken bei Gesundheit sehr schnell in Maßnahmen.
Was kann ich geben?
Was kann ich verändern?
Was kann ich behandeln?
Was kann ich trainieren?
Dabei entsteht Regulation manchmal gerade dort, wo wir etwas wegnehmen.
Reize.
Überforderung.
Permanente Beschäftigung.
Zu hohe Erwartungen.
Unpassende Ernährung.
Unnötige therapeutische Interventionen.
Und manchmal sogar unseren eigenen Anspruch, dass ein Tier gefälligst anders funktionieren müsste.
Bei meinem Hund war „weniger ist mehr“ keine nette Floskel.
Es wurde zu einem wesentlichen Bestandteil seines Lebens.
Und meines.
Heute habe ich einen Hund, den ich kaum für möglich gehalten hätte
Wenn ich zurückblicke, hätte ich niemals gedacht, dass dieser Hund einmal die Stabilität erreichen würde, die ich heute bei ihm erleben darf.
Nie.
Wir haben unglaublich viel erreicht.
Über Ernährung.
Über körperliche Unterstützung.
Über die Förderung seiner körpereigenen Regulation.
Über Führung.
Über Sicherheit.
Über Ruhe.
Über Konsequenz.
Über Beziehung.
Und über sehr viel Zeit.
Aber ein wesentlicher Teil unserer Entwicklung begann ausgerechnet dort, wo ich aufgehört habe, permanent gegen seine Grenzen anzukämpfen.
Als ich akzeptierte, dass vielleicht nicht alles verschwinden wird, wurde unser Leben leichter. Ich musste nicht mehr jeden schwierigen Zustand als Aufforderung verstehen, sofort wieder eine neue Lösung zu suchen.
Ich konnte anfangen zu beobachten:
Was zeigt er mir?
Was bekommt ihm?
Was überfordert ihn?
Wann braucht er meine Unterstützung?
Wann braucht er Führung?
Wann braucht er schlicht Ruhe?
Und wann muss ich gar nichts mehr tun?
Manchmal ist Nichtstun eine aktive Entscheidung
Das klingt leichter, als es ist.
Gerade wenn man therapeutisch arbeitet.
Wir sind schließlich darauf ausgerichtet, Lösungen zu finden.
Aber manchmal braucht es mehr Fachlichkeit, etwas bewusst nicht zu tun, als noch eine weitere Maßnahme einzuleiten.
Mein Hund kann beispielsweise nach einer eigentlich normalen Aktivität deutlich überfordert sein.
Früher hätte ich wahrscheinlich weiter überlegt, wie ich ihn anschließend regulieren kann.
Heute kann meine Antwort sehr schlicht sein:
Ruhe.
Keine weitere Beschäftigung.
Kein weiteres Programm.
Keine neue Methode.
Das Nervensystem bekommt die Möglichkeit, herunterzufahren.
Und manchmal ist genau das die Intervention.
Die Grenze meiner Wirksamkeit anzuerkennen, hat meine Wirksamkeit vergrößert
Das ist vielleicht das größte Paradox dieser Geschichte.
Ich musste akzeptieren, dass ich nicht alles verändern kann.
Und genau dadurch konnte ich genauer erkennen, wo ich tatsächlich etwas verändern kann. Ich musste nicht mehr wahllos an zehn Stellschrauben gleichzeitig drehen.
Ich konnte gezielter beobachten.
Klarer unterscheiden.
Weniger machen.
Und dem Organismus wieder mehr zutrauen.
Das ist für mich heute ein wesentlicher Bestandteil ganzheitlicher Tiertherapie.
Nicht möglichst viel zu behandeln.
Sondern möglichst genau zu verstehen.
Was braucht das Tier vor mir?
Diese Frage steht für mich inzwischen über vielen anderen.
Nicht:
„Was gibt man bei diesem Symptom?“
Sondern:
Warum zeigt dieses Tier dieses Symptom?
Was ist seine Geschichte?
Wie wird es ernährt?
Wie arbeitet sein Verdauungssystem?
Wie sieht sein Stoffwechsel aus?
Wie lebt es?
Wie schläft es?
Wie viel Stress erlebt es?
Wie wird es geführt?
Wie viel Aktivierung und wie viel Erholung gibt es?
Was kann sein Organismus selbst regulieren?
Und wo braucht er Unterstützung?
Erst aus diesem Gesamtbild entsteht für mich ein sinnvoller Weg.
Und deshalb können therapeutische Empfehlungen niemals einfach nach Schema F entstehen.
Wir behandeln keine Diagnose auf vier Pfoten.
Vor uns steht ein Individuum.
Akzeptanz kann Regulation ermöglichen
Vielleicht klingt Akzeptanz im ersten Moment nach Aufgeben.
Für mich ist inzwischen das Gegenteil der Fall.
Akzeptanz hat mich genauer gemacht.
Sie hat mich gezwungen, hinzusehen, statt ständig verändern zu wollen.
Sie hat mir geholfen, zwischen dem zu unterscheiden, was Unterstützung braucht – und dem, was ich vielleicht einfach nicht länger bekämpfen sollte.
Und sie hat meinem Hund etwas gegeben, was möglicherweise genauso wichtig war wie vieles andere: Die Erlaubnis, der Hund zu sein, der er tatsächlich ist.
Mit seinen Möglichkeiten.
Mit seinen Grenzen.
Mit seiner Geschichte.
Und mit einer erstaunlichen Entwicklung, die ich ihm früher kaum zugetraut hätte.
Heute weiß ich:
Ganzheitliche Gesundheit bedeutet nicht, einen Organismus so lange zu optimieren, bis nichts mehr von seiner Individualität übrig bleibt.
Sie bedeutet für mich:
Ursachen verstehen. Den Organismus unterstützen. Regulation ermöglichen. Grenzen erkennen. Und mit dem arbeiten, was tatsächlich vor uns steht.
Denn manchmal ist die nächste Lösung tatsächlich ein anderes Futter.
Manchmal braucht es Unterstützung für Darm oder Stoffwechsel.
Manchmal braucht das Nervensystem Hilfe, um wieder besser regulieren zu können.
Manchmal braucht ein Hund vor allem Führung und Sicherheit.
Und manchmal ist der wichtigste therapeutische Schritt irgendwann:
Nichts Neues mehr hinzufügen.
Sondern beobachten.
Vertrauen.
Anpassen.
Und akzeptieren.
Nicht alles ist reparierbar.
Aber sehr vieles kann trotzdem besser werden.
Mein eigener Hund ist für mich der beste Beweis dafür.
Und vielleicht war ausgerechnet die Erkenntnis, dass meine Wirksamkeit Grenzen hat, einer der Gründe, warum wir gemeinsam so weit gekommen sind.



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