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ERFAHRUNGSBERICHTE AUS MEINER PRAXIS

 Wenn Nervensystem, Ernährung und Stress zusammenhängen

Praxisfall: Wenn das Nervensystem nicht zur Ruhe kommt

Wiederkehrende Zusammenbrüche, hohe Erregung

und die Frage: 

Was belastet diesen Hund?

Diese Hündin lernte ich ursprünglich nicht als Tiertherapeutin kennen, sondern im Hundecoaching.

Sie kam aus dem Tierschutz. Ihr Halter wollte von Anfang an möglichst vieles richtig machen und holte sich deshalb frühzeitig Unterstützung. Ich lernte eine ausgesprochen sensible Hündin kennen, die in verschiedenen Situationen bereits Unsicherheit zeigte. Vieles in ihrem neuen Leben war ihr noch unbekannt – bei einem Hund mit dieser Vorgeschichte zunächst nichts Außergewöhnliches.

Ihr Halter setzte vieles aus unserem Coaching sehr gut um.

An einem Punkt fiel es ihm jedoch zunehmend schwer:

seiner Hündin Freiheit wieder abzunehmen.

 

Und genau dieser Punkt sollte später noch interessant werden.

 

Viel Freiheit ist nicht für jeden Hund Entlastung

Die Hündin durfte viel frei laufen. Zusätzlich besuchte ihr Halter mit ihr regelmäßig eine Plauschgruppe, in der es unter den Hunden teilweise zu wilden Renn- und Jagdspielen kam.

Nach außen konnte das durchaus nach Spaß und Ausgelassenheit aussehen.

Meine Wahrnehmung war zunehmend eine andere.

Ich hatte den Eindruck, dass dieses ohnehin sensible Nervensystem durch die hohe Erregung immer wieder stark gefordert wurde.

Deshalb empfahl ich dem Halter wiederholt:

Weniger wildes Rennen. Mehr Begrenzung. Mehr Führung. Mehr Regulation.

Nicht weil Bewegung schlecht wäre.

Und auch nicht, weil ein Hund möglichst wenig Freiheit bekommen sollte.

Sondern weil Freiheit nur dann Freiheit ist, wenn ein Tier mit ihr umgehen kann.

Für einen überforderten Hund kann Begrenzung Entlastung bedeuten.

 

Als die Hündin plötzlich zusammenbrach

Parallel dazu traten körperlich auffällige Episoden auf.

Die Hündin kippte wiederholt um.

Ihr Halter ließ dies mehrfach tierärztlich abklären.

Nach seinen Angaben konnte dabei keine eindeutige Ursache gefunden werden.

Und genau hier begann für mich die weiterführende Ursachenforschung.

 

Nicht mit der Behauptung:

„Das ist Stress.“

Das wäre ohne entsprechende Diagnose unseriös gewesen.

Sondern mit einer anderen Frage:

Was können wir an der Gesamtbelastung dieses Hundes verändern?

Denn wenn eine eindeutige Ursache trotz erfolgter Diagnostik nicht gefunden wird, lohnt es sich aus meiner Sicht, den gesamten Organismus und seine Lebensumstände genauer anzuschauen.

 

Hundebegegnungen: Spiel oder doch Stress?

Ein weiteres Puzzleteil waren die Hundebegegnungen.

Der Halter berichtete mir immer wieder von einer bestimmten Verhaltensweise seiner Hündin.

Sie ging mit dem Vorderkörper nach unten und dem Hinterteil nach oben.

Für ihn war die Sache zunächst klar:

„Sie fordert den anderen Hund zum Spielen auf.“

Gleichzeitig beschrieb er jedoch, dass sie bei Begegnungen nervös und unsicher wirkte.

Das passte für mich nicht vollständig zusammen.

Da ich die konkreten Situationen nicht selbst gesehen hatte, sagte ich ihm auch deutlich, dass ich ihm aus der Ferne keine verlässliche Interpretation dieser einzelnen Begegnungen geben konnte.

Ich empfahl ihm aber, sich mit dem sogenannten Fiddle About auseinanderzusetzen und entsprechendes Videomaterial anzuschauen.

Das tat er.

Und anschließend kam er überrascht auf mich zurück:

Die vermeintliche Spielaufforderung sah für ihn plötzlich ganz anders aus.

Er begann zu erkennen, dass seine Hündin in solchen Situationen offenbar nicht einfach nur unbeschwert spielen wollte, sondern möglicherweise mit Unsicherheit und hoher innerer Erregung umgehen musste.

Damit veränderte sich auch sein Umgang mit Hundebegegnungen.

Er begann mehr zu führen und seiner Hündin weniger Situationen zur eigenen Regulation zu überlassen.

 

Wir veränderten nicht nur eine Sache

Parallel dazu arbeiteten wir auf mehreren Ebenen.

 

Die Ernährung wurde angepasst.

Die hohe körperliche und emotionale Erregung wurde reduziert.

Das Nervensystem bekam mehr Ruhe und Struktur.

Der Halter begrenzte das wilde Herumrennen zunehmend.

Zusätzlich wurde die Regulation des Nervensystems unterstützt und wird weiterhin begleitet.

Es gab also nicht die eine Maßnahme, nach der wir behaupten könnten:

Das war die Ursache und das war die Lösung.

 

Und genau deshalb finde ich diesen Praxisfall so wertvoll.

 

Dann kam das entscheidende Feedback

Vor einigen Tagen fragte ich den Halter nach dem weiteren Verlauf.

Sind diese Episoden des Zusammenbrechens wieder aufgetreten?

 

Seine Antwort:

Nein.

 

Also fragte ich weiter.

Was hat sich verändert?

Und dabei fiel schließlich ein entscheidender Satz:

„Ich lasse sie halt auch nicht mehr so wild herumrennen.“

Nach aktuellem Stand sind die zuvor wiederkehrenden Zusammenbrüche seit den Veränderungen nicht mehr aufgetreten.

Das beweist nicht, dass das wilde Rennen oder die hohe Erregung die Ursache der Episoden waren.

Aber es ist eine Beobachtung, die für mich unbedingt ernst genommen werden darf.

 

Ganzheitliche Ursachenforschung bedeutet Zusammenhänge suchen

Genau solche Verläufe zeigen, weshalb ich Tiere nicht gerne in einzelne Fachgebiete zerlege.

Hier das Verhalten.

Dort die Ernährung.

Da das Nervensystem.

Und irgendwo daneben das körperliche Symptom.

Es ist immer derselbe Hund.

Ein sensibles Nervensystem kann durch hohe Erregung belastet werden. Körperliches Befinden kann Verhalten beeinflussen. Ernährung und Verdauung können wiederum auf das allgemeine Wohlbefinden einwirken. Ruhe, Führung und Sicherheit können Regulation unterstützen.

Das bedeutet nicht, dass jedes körperliche Symptom mit Stress erklärt werden darf.

 

Im Gegenteil.

Körperlich auffällige oder unklare Symptome gehören tiermedizinisch abgeklärt.

Aber wenn diese Diagnostik erfolgt ist und Beschwerden trotzdem bestehen oder wiederkehren, kann es sinnvoll sein, anschließend weiterzufragen: Was sehen wir möglicherweise noch nicht?

Welche Belastungen wirken auf dieses Tier? Welche Zusammenhänge gibt es?

Und wo können wir Bedingungen verändern, damit der Organismus wieder besser regulieren kann?

Genau dort beginnt für mich ganzheitliche Tiertherapie.

 

Ursachen verstehen – nicht Symptome behandeln.

 

Nicht jedes Tier braucht dasselbe.

Nicht jedes Symptom hat dieselbe Ursache.

Und manchmal liegt ein wichtiger Hinweis dort, wo zunächst niemand gesucht hat.

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