Ernährungsberatung Hund und Katze

Wenn die Ernährungsberaterin im „Zoofachhandel“ Ernährungsberatung bekommt

Manchmal möchte man einfach nur Katzenfutter kaufen – und bekommt ungefragt noch eine Ernährungsberatung dazu.
Genau das ist mir heute passiert. Auch wenn ich Ernährungsberatung für Hund und Katze mache und hochwertiges Futter verwende, kaufe ich ab und zu im Zoogeschäft ein, da meine Katzen grad mit 18 Jahren etwas mäkelige Fressgewohnheiten haben ;-)
Ich erwähnte im Gespräch, dass bei uns durchaus auch einmal der Hund vom Katzenfutter frisst. Darauf wurde ich freundlich darauf hingewiesen, dass Hunde nicht so viel Taurin aufnehmen dürften.
Der Hund könne Taurin nämlich nicht abbauen und sollte deshalb besser nicht so viel Katzenfutter fressen.
Ich fragte nach: „Aber Taurin ist doch unter anderem für das Herz wichtig?“ Die Antwort: „Ja – aber nicht beim Hund.“ Aha.
An diesem Punkt habe ich beschlossen, nicht weiter nachzufragen. Denn irgendwann wird aus einem Einkauf ein unfreiwilliges Fortbildungsseminar – nur leider in die falsche Richtung.
Taurin – gefährlich für den Hund?
Taurin ist zunächst einmal nichts, was eigens für Katzenfutter erfunden wurde.
Es ist eine natürlich vorkommende schwefelhaltige Verbindung, die vor allem in tierischen Geweben vorkommt. Fleisch und Fisch sind natürliche Quellen. Die Katze muss Taurin über die Nahrung aufnehmen. Der Hund dagegen kann Taurin grundsätzlich aus anderen schwefelhaltigen Aminosäuren selbst bilden.
Und selbstverständlich hat Taurin auch beim Hund physiologische Funktionen.
Die Aussage, Taurin sei zwar für das Herz der Katze wichtig, aber beim Hund gewissermaßen unerwünscht, weil dieser es „nicht abbauen“ könne, ergibt deshalb ernährungsphysiologisch keinen Sinn.
Vor allem müsste man die Sache dann einmal konsequent zu Ende denken: Wenn Taurin für Hunde grundsätzlich problematisch wäre – warum dürfen Hunde dann Fleisch und tierisches Gewebe fressen, in denen Taurin natürlicherweise vorkommt?
Vielleicht wäre das die interessantere Frage gewesen.
Ich wollte allerdings irgendwann einfach nur noch mein Katzenfutter bezahlen.
Aber Katzen dürfen doch kein Hundefutter fressen?
Das ist der zweite Satz, den man immer wieder hört. Und diesmal steckt tatsächlich ein wichtiger ernährungsphysiologischer Unterschied dahinter.
Nur ist die pauschale Schlussfolgerung daraus falsch.
Die Katze ist ein obligater Carnivore. Ihr Stoffwechsel unterscheidet sich in einigen wesentlichen Punkten von dem des Hundes.
Sie benötigt beispielsweise Taurin über ihre Nahrung. Sie kann Beta-Carotin nicht ausreichend zur Deckung ihres Vitamin-A-Bedarfs nutzen und braucht deshalb vorgebildetes Vitamin A. Sie benötigt Arachidonsäure über die Nahrung und kann auch Niacin nicht wie der Hund in ausreichendem Umfang aus Tryptophan bilden. Außerdem besitzt sie einen höheren Proteinbedarf tierischen Ursprungs, was in vielen Hundefutter schwer auffindbar ist.
Das sind reale ernährungsphysiologische Unterschiede.
Aber jetzt kommt der entscheidende Punkt: Diese Nährstoffe wurden nicht erst von der Futtermittelindustrie erfunden.
Wie hat die Katze eigentlich überlebt, bevor es Vitaminvormischungen gab?
Wild lebende Feliden hatten über Jahrtausende erstaunlicherweise keinen Messlöffel mit Vitaminpulver dabei.
Sie fraßen Beutetiere.
Und genau tierische Gewebe liefern viele der Stoffe, auf die der Katzenstoffwechsel angewiesen ist. Taurin findet sich in tierischem Gewebe. Fleisch und Fisch liefern Niacin. Vorgebildetes Vitamin A stammt aus tierischen Quellen und findet sich unter anderem reichlich in Leber. Arachidonsäure stammt ebenfalls aus tierischen Nahrungsquellen. Die besonderen Bedürfnisse der Katze sind gerade Ausdruck ihrer evolutionären Anpassung an eine Nahrung aus tierischem Gewebe.
Deshalb bedeutet: „Die Katze benötigt diese Nährstoffe zwingend über ihre Nahrung“
nicht automatisch: „Diese Nährstoffe müssen synthetisch zugesetzt werden.“
Sie müssen vorhanden sein – in ausreichender und verfügbarer Menge. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Es kommt darauf an, WAS im Napf liegt
Und genau deshalb halte ich den pauschalen Satz „Katzen dürfen kein Hundefutter fressen“ für wenig hilfreich.
Die richtige Frage lautet: Was für ein Hundefutter? Enthält dieses Hundefutter Fleisch und Innereien in ausgewogenem Verhältnis?
Wenn wir von einem minderwertigen industriellen Futter sprechen, dessen Zusammensetzung den besonderen Bedürfnissen einer Katze nicht gerecht wird, kann eine dauerhafte Fütterung selbstverständlich zu einer Unterversorgung führen.
FEDIAF weist für Katzen eigene Anforderungen unter anderem an Taurin, Arachidonsäure, verschiedene Aminosäuren, Vitamine und Mineralstoffe aus. Ein für Hunde formuliertes Futter muss diese katzenspezifischen Werte nicht automatisch erreichen. Das ist der sachliche Kern hinter der Warnung.
Etwas völlig anderes ist jedoch ein hochwertiges, stark fleischbasiertes Hundefutter mit einem hohen Anteil an Fleisch und geeigneten Innereien, das die benötigten Nährstoffe bereits über seine natürlichen Zutaten liefert.
Dann muss man sich die tatsächliche Zusammensetzung ansehen – statt lediglich auf das Bild vorne auf der Dose zu schauen.
Denn eine Katze kann lesen bekanntlich noch immer nicht. Ihr Stoffwechsel fragt nicht: „Steht da HUND drauf?“ Er fragt gewissermaßen: „Bekomme ich die Nährstoffe, die ich brauche?“
Und genau das ist die entscheidende Frage.
Vitamin A ist ein wunderbares Beispiel
Eine Katze kann Beta-Carotin aus Karotten nicht wie ein Hund zur ausreichenden Vitamin-A-Versorgung nutzen. Sie benötigt vorgebildetes Vitamin A aus tierischer Nahrung.
Daraus könnte man nun schließen:
„Also muss dem Katzenfutter synthetisches Vitamin A zugesetzt werden.“
Nein.
Leber ist beispielsweise von Natur aus reich an Vitamin A.
Natürlich bedeutet das nicht: je mehr Leber, desto besser. Auch Vitamin A kann überdosiert werden, weshalb die Gesamtzusammensetzung eines Futters stimmen muss.
Aber genau darum geht es:
Ein hochwertiges Futter wird nicht dadurch hochwertig, dass möglichst viele einzelne Nährstoffe aus einem Laborbeutel hineingeschüttet werden. Entscheidend ist, welche Nährstoffe die verwendeten Lebensmittel bereits liefern und ob die fertige Gesamtration den Bedarf deckt.
Und damit sind wir wieder beim eigentlichen Problem.
„Zoo"fach"handel“ bedeutet nicht automatisch Fachwissen
Ich habe selbst im Zoofachhandel gearbeitet.
Und ich weiß sehr genau, welche Autorität man dort plötzlich bekommt.
Man steht zwischen Futtersäcken und Dosen, kennt die Produkte, spricht selbstverständlich über Tierernährung – und Kundinnen und Kunden gehen verständlicherweise davon aus:
Die wird schon wissen, wovon sie spricht.
Meine Kundinnen und Kunden haben mir teilweise blind vertraut.
Ich hätte ihnen beinahe jeden Unsinn erzählen können, wenn ich ihn nur überzeugend genug vorgetragen hätte. Und genau deshalb schreibe ich diesen Artikel.
Nicht, um eine einzelne Verkäuferin vorzuführen.
Sondern weil ein selbstbewusst ausgesprochener Satz nicht automatisch richtig wird, nur weil er in einem „Zoofachgeschäft“ fällt.
Hinterfragt, was Euch erzählt wird. Fragt nach dem Warum. Warum soll ein bestimmter Stoff problematisch sein? Was passiert angeblich im Stoffwechsel? Warum soll ein Futter für eine Tierart ungeeignet sein?
Und vor allem: Schaut Euch an, was tatsächlich im Napf landet.
Denn zwischen
„Katzen haben andere ernährungsphysiologische Anforderungen als Hunde“
und
„Katzen dürfen kein Hundefutter fressen“
liegt ein gewaltiger Unterschied.
Und zwischen
„Katzen benötigen Taurin über die Nahrung“
und
„Hunde können Taurin nicht abbauen“
offenbar manchmal nur ein Regal im „Zoo"fach"handel“.
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