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Wenn das Jahr wechselt, aber nichts sich bewegt

Über Zeit, Inszenierung und die vergessenen Zyklen des Lebens



Der Jahreswechsel gilt als Moment des Neubeginns. Ein kollektiver Atemzug, so scheint es, begleitet von Feuerwerk, Lärm, Alkohol, guten Vorsätzen.


Doch bei genauerem Hinsehen wirkt dieses Ritual wie eine Bühne, auf der jedes Jahr dasselbe Stück aufgeführt wird – mit wechselnden Kostümen, aber identischem Text.


Was genau wechselt eigentlich am 31. Dezember um Mitternacht?


Zeit selbst tut es nicht.

Die Erde dreht sich weiter, unbeirrt.

Die Jahreszeiten folgen ihrem eigenen Rhythmus.

Pflanzen ruhen, ziehen sich zurück, bereiten im Verborgenen etwas vor.


Der Übergang von einem Jahr zum nächsten ist kein kosmisches Ereignis, sondern eine menschliche Vereinbarung. Ein Punkt in einem Kalender, historisch entstanden, kulturell geprägt, politisch durchgesetzt. Ordnungssysteme helfen zu verwalten – aber sie erklären nichts über inneres Erleben.


Der Lärm des Feuerwerks steht in einem seltsamen Gegensatz zur Jahreszeit.


Während die Natur still wird, Energie sammelt, zieht sich der Mensch nach außen, explodiert in Licht und Geräusch. Vielleicht ist das kein Zufall. Vielleicht ist es der Versuch, eine innere Leere zu übertönen. Oder die Angst vor dem Stillwerden.


Auch die guten Vorsätze fügen sich perfekt in dieses Schauspiel.


Sie versprechen Kontrolle: Ab jetzt wird alles anders. 


Doch sie entstehen selten aus echter Reife oder innerem Lauschen. Meist entspringen sie sozialem Druck und einem künstlichen Stichtag. Dass sie nach wenigen Tagen wieder verschwinden, ist kein individuelles Scheitern – sondern ein Hinweis darauf, dass Entwicklung sich nicht befehlen lässt.


Das Leben folgt keinem Kalender.


Es ist ein fortwährender Prozess

von Werden, Sterben und Vergehen.


Kein linearer Fortschritt, sondern ein zyklisches Geschehen, das sich im Inneren vollzieht. Und dieser Prozess ist alles andere als bequem.


Entwicklung ist kein Aufbruch mit Konfetti, sondern oft ein schmerzhafter Rückzug.


Ein Abschied von alten Identitäten, von inneren Konstruktionen, die vielleicht nicht mehr dienen, aber Halt gegeben haben.


Loslassen bedeutet nicht, etwas abzugeben, das ohnehin bereit war zu gehen.

Loslassen bedeutet, etwas sterben zu lassen, an dem man noch hängt.


Dieser innere Tod ist selten sichtbar.

Er wird nicht beklatscht.

Er wird nicht gefeiert.

Meist wird er nicht einmal verstanden.


Und genau deshalb ist er so schwer auszuhalten.


Der Mensch sucht Daten, Rituale, kollektive Übergänge, weil sie suggerieren, dass Veränderung kontrollierbar sein könnte. Ein Datum verlangt nichts – außer Hoffnung.


Ein echter innerer Zyklus hingegen fordert Hingabe, Ehrlichkeit und die Bereitschaft, eine Zeit lang ohne Gewissheit zu leben.


Die Natur kennt keine Vorsätze. Sie kennt Bedingungen.


Ein Same keimt nicht, weil ein Jahr beginnt, sondern weil der Boden bereit ist.


Vielleicht fixiert sich der Mensch deshalb so sehr auf Kalender, Neujahrsrituale und symbolische Neuanfänge. Weil es Sicherheit gibt. Weil es einfacher ist, sich an äußeren Strukturen festzuhalten, als sich nach innen zu wenden und zu spüren, wie leer, wie unzufrieden, wie verloren man sich vielleicht längst fühlt.


Sich selbst zu begegnen wäre riskanter. Ehrlicher. Und schmerzhafter.


Was wäre, wenn wir Übergänge wieder spüren müssten, statt sie zu feiern?

Wenn Neubeginn nicht an ein Datum gebunden wäre, sondern an innere Wahrheit?


Wenn wir den Winter als Zeit des Nicht-Wissens, des Rückzugs, des inneren Sterbens achten würden – statt ihn mit Erwartungen zu überladen?


Vielleicht liegt der eigentliche Neubeginn nicht im Januar.


Vielleicht beginnt er in einem stillen Moment, in dem etwas Altes endgültig nicht mehr getragen werden kann. Und vielleicht kommt dieser Moment nicht laut, sondern leise.


Unauffällig.

Ohne Feuerwerk.

 
 
 

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